Körper-Gebet
Geerdet und gehimmelt

Körper-Gebet
Im Park.
Öffentliches Gelände, doch geschützt.
Meine nackten Füße auf feuchte Gras. Kühl noch im Schatten, recht warm schon in der Sonne. Noch nicht viele Menschen – und doch ist der Park belebt.
Wasser rinnt am Reisig des Gradierwerks. Ein gutes Geräusch.
Die fallenden Tropfen sind so friedlich. Eine Freundin sagte „Da fall ich gleich in Trance“.
Ich nicht, doch ich liebe es zu schauen, zu hören, die Frische zu atmen und vor mich hin auf die Wasserfäden zu schauen.
Meditativ.
Eingebunden.
Ich schaue eine Weile, gehe dann weiter.
Lehne mich an einen großen Ahorn. Eigentlich will ich ihn umarmen, doch es fühlt sich nicht stimmig an.
Er ist freundlich. Ich lege meine Hände an seinen Stamm und ein Fuß berührt eine Wurzel.
Das ist richtig für mich, ich hoffe, für ihn auch. Meine Wange an seinem Stamm, bedanke ich mich, dass er da ist und mich so nimmt.
Als es gut ist, gehe ich weiter, übers Gras, immer noch feucht.
Irgendwo, gegenüber der Sonne, bleibe ich stehen.
Füße hüftbreit auf dem Boden. Ich atme.
Über mein Herz ein in die Erde, tief ein.
Und wieder aus.
Und ein in den Himmel, bis weit über mich in den Kosmos.
Stelle ich mir jedenfalls vor.
So bin ich da, zwischen Himmel und Erde. Aufrecht, aufgerichtet, soweit ich kleine Person das kann.
Langsam hebe ich die Arme.
Erst mit den Handflächen nach unten. Auf Schulterhöhe drehe ich sie nach oben. Spüre die veränderte Energie.
Ich atme weit in mein Herz, meine Brust – da, wo ich genährt werde und nähre (wenn es geschieht).
Die Arme gehen weiter in die Höhe, in uralter Gebetshaltung.
Merkt es der Himmel, antwortet der Kosmos?
Wie die Erde, die sich unter meinen Füßen erwärmt und so weich mich trägt.
Meine Arme und Hände führen die Energie des Himmels in weitem Bogen an meinem Körper entlang bis zur Erde, mein Kopf und mein Rumpf folgen.
Schließlich hocke ich am Boden:
Ein Erd-ling, eine Menschenfrau.
Zur Erde gehörig, und beseelt vom Himmel. Ein Himm-ling, ein Sternenwesen?
Jedenfalls: Geerdet. Gehimmelt.
Ja.
Langsam richte ich mich wieder auf und strecke mich nach oben. Berühre meine Chakren – mögen sie die Energie tanken.
Mich verbinden mit Himmel und Erde und all den (Natur-)Wesen dazwischen.
Am Ende dieses Körper-Gebets steht ein Namaste mit den Händen auf dem Herzen.
War das ein Gebet, eine Meditation?
Die Verkörperung einer Sehnsucht?
Eine Begegnung mit mir und dem Ganzen?
Ich bin – jetzt jedenfalls – sicher, dass ich ein Teil von Allem bin.
In Allem „leben, weben und sind wir“ (frei nach Paulus in der Apostelgeschichte, auf dem Areopag in Athen).
Ein schöner Gedanke.
Und im Körper-Gebet verkörpert sich das irgendwie. Für mich.
Richtig zu beschreiben ist es nicht.
Es ist ein Fühlen, ein Wissen, eine Sehnsucht – oder so. Vielleicht auch nicht.
Gleichzeitig vibrieren, summen meine Zellen, wenn ich es denke, schreibe.
Wie verhält es sich mit (er-)leben, fühlen, denken und aufschreiben?
Was geht verloren dabei, was kommt vielleicht dazu?
Und: Ist das nur meins (es ist ja durchaus mein ganz persönliches Empfinden, an mich, meine Geschichte, meinen Körper, diesen Augenblick gebunden) – und/oder macht es Sinn, das zu teilen, mit-zu-teilen?
Wie so oft sind es die Fragen, die bleiben … gern würde ich mich dahinein leben, in die Fragen, Rilkes Anregung folgend.
Und, ja, auch damit mich zeigen und verbinden.
Mit mir, mit dir, mit den Bäumen und dem Gras.
Womit ich wieder beim Anfang meiner Worte wäre.
Hab ich mich im Kreis gedreht? Eine Spirale?
Jedenfalls ist hier erstmal ein Schlusspunkt.










