Märchen. Oder: Heldinnenreise
Was bisher geschah ...

Was bisher geschah:
Bis jetzt ist eigentlich noch gar nicht viel passiert. Die schöne Prinzessin wurde geboren, verwandelte sich in eine fleißige Schülerin, eine böse Stiefschwester, ein fürsorgliches Eheweib, eine viel zu beschäftigte Mutter und eine alte Studentin.
Dann wollte sie doch lieber Königin sein und schrieb das Drehbuch um. Setzte sich die Krone auf den Kopf, ließ sie dauernd fallen, benutzte sie als Fußball oder als Dreckschaufel oder setzte sie sich wieder auf den Kopf.
Irgendwann war sie es leid und gab sie weiter. Natürlich an die jüngste Tochter, schließlich sind wir im Märchenland.
Sie drehte sich hin und her – leider gab es keinen Spiegel, in dem sie sich – nun ohne Krone – sehen konnte. Sie wusste trotzdem, dass sie sich gefiel.
Sie ließ die Tochter mit Krone und Land stehen und zog hinaus, um noch mal eben was zu erleben. Klar fürchtete sie die Monster, die Schatten und die Fremde und zögerte kurz, die Grenze zu überschreiten. Doch ohne Krone war sie ja viel leichter und mutiger und machte entschlossen einen Schritt über die Schwelle. Hinter der Grenze sah es gar nicht so anders aus, jedenfalls eine ganze Weile nicht. Irgendwann wurde es waldiger, mystischer, kleine Trolle kreuzten ihren Weg und schlugen Purzelbäume. Manchmal purzelte sie mit, manchmal zog sie Grimassen oder streckte ihnen die Zunge raus. Ab und an teilte sie auch ihren Proviant.
Die Bäume grüßten sie und wurden umarmt, es gab Gewisper – „Woher?“ „Wohin?“ -, und eine Zeitlang hatte sie auch menschliche Begleitung oder blieb eine kleine Weile in einem Dorf.
So ganz sesshaft wollte sie aber doch nicht werden, zu viel gab es noch zu entdecken. Schließlich kam sie an eine magische Schlucht, die von zwei wilden Drachinnen bewacht wurde.
Zuerst wollte sie kämpfen, doch das war aussichtslos. Dann verhandeln – die Drachinnen lachten nur.
Da stampfte sie mit den Füßen, ballte die Fäuste und bekam einen Tobsuchtsanfall. Der dauerte lange. Solange, bis eine der Drachinnen ihr einen Spiegel vorhielt und sie sich darin sah.
Sie musste lachen und lachen, bis ihr der Bauch wehtat und das Zwerchfell noch mehr – vor lauter Wackeln. Sogar die Drachinnen lachten mit und gaben die magische Schlucht frei.
Das geschah bisher.
Und nun tut die wilde magische Schlucht ihren Schlund auf und …










