Novemberzeit - Ahnenzeit
Dorothee Kanitz
Meine Ahn*innen - hinter dem Schleier, und doch bei mir ...

Ahnen-Zeit
Ich höre keine „echten“ Stimmen, ich sehe keine Bilder – doch sie umgeben mich, ich fühle und spüre es, ohne sagen zu können, wie und woran. Meine Ahn*innen sind da. Um mich. Mit mir. Und ich fühle mich wohl mit ihnen, getragen, gesegnet, gesehen.
Sie möchten, dass ich weiter meinen Weg gehe, den Seelenweg, den, der mich glücklich macht und strahlen lässt, endlich.
Und so bringe ich das Flüstern und Wispern meiner Ahn*innen zu Papier.
Webe es ein in mein Leben, meine Spaziergänge, meine Träume.
Für die, die kommen.
Sie sind im Wald … wenn ich spazieren gehe, im herbstlichen Sonnenschein, staunend über die goldenen Blätter, wenn das Laub unter meinen Füßen raschelt und ich mich daran freue wie als Kind, wenn es von den Bäumen tropft und die Eicheln fallen, erst recht, wenn die Feuchte wie Nebel aufsteigt … dann wispern sie um mich.
Mein Gefühl:
Sie freuen sich an mir. Sie möchten, dass ich weiter meinen Weg gehe, den Seelenweg, den, der mich glücklich macht und strahlen lässt, endlich.
Die meisten von ihnen konnten das nicht.
Und sie wünschen so sehr, dass ich es nicht nur kann, sondern tue. Wie wunder-voll ist das!
Ich kenne die wenigsten von ihnen. Meine Eltern, die Eltern meiner Mutter, die Mutter meines Vater, den Großvater meiner Mutter – die habe ich kennengelernt. Und habe ein Bild von ihnen. Wie begrenzt auch immer.
Die anderen … waren längst tot, als ich auf die Welt kam. Und doch wäre ich ohne sie nicht hier.
Mein Großvater väterlicherseits wusste nicht einmal, dass er einen Sohn hatte. Er zog im August 1914 als Einundzwanzigjähriger in den Krieg, frisch verheiratet, die Frau hochschwanger. Als mein Vater Ende August geboren wurde, war sein Vater in Frankreich, wo er wenig später „fiel“. Nach einem Monat an der Front. Das Bild, dass meine Oma ihm schickte, von ihr mit dem gemeinsamen Sohn, kam zurück, ohne dass er es je gesehen hatte.
Wie dankbar ist er, dass ich ihn „sehe“, dass es weiterging, obwohl er – ungern und ohne dass er bereit war – sein Leben verlassen musste. Ein Sohn, vier Enkelkinder – eins davon ich – das bringt ihn in Frieden: er wünscht seinen Nachkommen die Lebenslust, die ihn prägte und die nur so kurz leben durfte.
Meinen Urgroßvater mütterlicherseits habe ich noch kennengelernt, er war ein „lustiger Vogel“, mit einem Glasauge, mit dem er uns gern mal erschreckte, und einer geheimnisvollen Grube im Hof, mit großen Schätzen, von denen er uns gern erzählte. Wie ent-täuschend, dass es einfach die Sickergrube für das Plumpsklo war. Beides machte ihn in meinen Augen zu einem spannenden, wenn auch ein wenig unheimlichen Typ.
Seine Frau starb schon 1927 oder 28, kurz bevor meine Großmutter (ihre älteste Tochter) heiratete und meine Mutter 1929 geboren wurde. Sie – die Urgroßmutter – erlebte nicht mehr mit, wie sich die Zeiten so veränderten, dass ihr Mann ( Gärtner bei einem jüdischen Arzt, der ein kleines Heim für (jüdische) Menschen mit Beeinträchtigungen führte) arbeitslos wurde, der Arzt und die Bewohner „verschwanden“ und die Synagoge brannte.
Das wiederum erlebten meine Mutter und ihre Schwester hautnah mit. Mit 8 und 10 Jahren, in einer Wohnung nur 100 m Luftlinie von der Synagoge entfernt, hörte sie die Pöbeleien, das Scheppern der eingeworfenen Fenster und das Prasseln des Feuers. Sie mussten angezogen ins Bett – angezogen für den Fall des Falles, ins Bett, weil Kinder eben nicht alles mitbekommen sollen.
Und am nächsten Morgen rauchten die Trümmer, und gesagt wurde – nichts. Angst. Ohnmacht. Und Schweigen.
Genau wie darüber, was denn mit Peter, dem Sohn des o.g. Arztes passiert war, der irgendwann einfach weg war. Und wenn die Mädchen – eine Zeitlang noch – die jüdischen Bewohner des Heims trafen, mit einem gelben Stern, und stumm – „Ja, kennst du mich denn nicht mehr?!“ – dann wurde auch das mit Schweigen zugedeckt.
Und wieder Krieg. Meine Großeltern und mein Vater erlebten jeweils zwei Kriege, meine Mutter „nur“ einen. Den zweiten Weltkrieg überlebten sie (also meine vier Großeltern und meine Eltern), und doch starb etwas in ihnen.
Kriegsende, Schuld und Schuldgefühle, wieder Schweigen, als nach und nach das Ausmaß der Verbrechen und des Holocaust deutlich wurde. Ein geteiltes Deutschland. Meine Mutter, mit 18, im Westen, die Eltern und Geschwister im Osten, nach der Währungsreform gabs kein -Geld von Zuhause mehr, und die Ausbildung war noch nicht abgeschlossen.
Mein Vater, zunächst begeisterter Soldat, ganz wie sein Vater im 1. Weltkrieg, erlebte die Abenteuer, um derentwillen er in den Krieg gezogen war – Afrika, Griechenland, Kreta, am Ende Russland. Er erzählte später eher von den schönen kulturellen Stätten wie der Akropolis, manchmal von dem Flugzeugabschuss, als der Fallschirm erst sehr spät aufging und sein ganzes Leben an ihm vorüberzog. Einmal sagte er auch „im Krieg tut man Dinge, die man nie für möglich gehalten hätte“, was mich sehr erschüttert hat. Doch nachzufragen kam irgendwie nicht in Frage.
(Meine Schwester reiste später auf Kreta und suchte die Spuren der Wehrmacht … Ich fühlte Schuld. Scham. Dankbarkeit, dass wir es nicht waren.)
Erst 1950 kam er aus russischer Gefangenschaft; mein Vater, der Schreiberling, hatte 5 Jahre in einem Bergwerk verbracht. Immerhin überlebte er, anders als viele andere.
1956 heirateten meine Eltern, wir Kinder wurden 1957, 58, 60 und 63 geboren.
Wir wuchsen „fromm“ auf, mein Vater hatte wohl das Gefühl, einiges wiedergutmachen zu sollen, meine Mutter kam aus einer pietistischen Familie und kannte es nicht anders.
So lernten wir nur die Ahnen kennen, die noch da waren, und gleichzeitig einen „guten Gott“, der zwar eindeutig Männer als seine Freunde bevorzugte, doch auch mit braven Frauen freundlich war.
Tja, und so war ich lieb. (Nicht nur, doch ziemlich oft.)
Und jetzt gehe ich durch den Wald und meine Ahn*innen – die, die ich gekannt habe und ganz, ganz viele andere, durch die Jahrhunderte und Jahrtausende - singen ein anderes Lied, eins von wilder Weiblichkeit, ekstatischen Trommeln und Tänzen ums Feuern, von Frauenkreisen, in denen weibliche Macht und Kraft weitergegeben wurde. Von Frauen und Männern, die ihren Seelenweg gehen durften, weil das wichtig war für die Menschen und die Erde. Lange ist es her.
Und sie singen auch von Männern und Frauen, die ihre wahre Natur verleugnen mussten, um einem Bild zu entsprechen, das menschengemacht und für gottgewollt erklärt wurde. Von Krieg und Vergewaltigung, gegen das Leben, die Natur, die Erde, die Frauen, die Männer, und immer auch die Kinder. Bis heute.
November. Ahnen-Zeit.
Sie wünschen sich so, dass ich – dass wir – wieder wild und weise, (natur-) verbunden und voller Liebe (ins Leben) sein können.
Sie wünschen sich so, dass ich – dass wir – wieder wild und weise, (natur-) verbunden und voller Liebe (ins Leben) sein können.
Ja, ich will. Das ist mein Dank?
Ich bin bereit. Bereit für meine Kraft, meine Freude, mein Leben.
Webe es ein in mein Leben, meine Spaziergänge, meine Träume.
Für die, die kommen.

Da sitzt sie auf ihrem dreibeinigen Hocker. Vor sich das Feuer mit dem Kessel. Sie rührt. Dreimal links herum, dreimal rechts herum. Und von vorn, im steten Rhythmus. Gerade so, dass es blubbert, doch nicht überschwappt. Und nicht ansetzt, unten auf dem Grund des Kessels. Die Suppe, die Suppe des Lebens, immer im Kreis, immer im Fluss. Jeden Tag aufs Neue. Nachts schöpft sie, verteilt großzügig, immer neu. Empfange, wer will. Nicht alle wollen. Manche schrecken zurück: Leben - pfui. Zu roh, zu wild, zu heiß. Falsche Zutaten. Hexenkessel, lieber nicht, lieber zahmes Fertigfutter. Andere sind gierig. Mehr Leben, mehr Suppe, mehr Zutaten, viele, viele Löffel voll. Manche nehmen es einfach so hin. Manche sind dankbar, manche wollen bezahlen. Sie schöpft gleichmütig. Und stetig weiter, bis der Tag beginnt. Dann rührt sie neue Suppe. Und rührt. Dreimal linksherum, dreimal rechtsherum, immer wieder, immer weiter. Bis zur längsten Nacht. Mitt- Winter. Da schöpft sie nicht, sie ruht. Die Zeit steht still, die ganze Nacht und am Tag. 3 Nächte lang kein Schöpfen, 3 Tage lang kein Rühren. Stille. Mitt- Winterstille. Mutter-Nacht, Mutter-Nächte. Sie gebiert. Eine neue Seele, eine neue Zeit. Ein neues Äon. Ihr Kind, ihr Licht-Kind. In der dritten Nacht entlässt sie es. Es wird wachsen. Sie betrachtet das Kind. Sie betrachtet den Kessel. Und kichert. Erst leise, dann immer lauter. Bis sie sich den Bauch hält und die Suppe schwappt. Da lacht sie noch mehr. So laut, dass die Erde bebt und der Kessel fliegt. In weißen Flocken legt sich der Inhalt auf die schwarze Erde. Das Kind streut Sternenlicht darüber. Und die Alte fliegt auf schwarzen Wolken im Sturmgebraus dahin. 12 raue Nächte lang. Dann beginnt ein neuer Jahreszyklus. Doch jetzt, jetzt ist sie frei und Ihre wilde Jagd beginnt. Hey, Jo, Hey, JA!

Am Freitag vor dem 1. Advent war ich mit einer kleinen Gruppe wandern, eine relativ kurze Wanderung. Für mich ein willkommener Auftakt der Adventszeit. Ein trüber Morgen, kein Regen, die Luft gleichzeitig feucht und die Blätter nass. Ein Stück Fahrt mit dem Bus, Aussteigen, durch die Siedlung am Waldrand gehen, dann den Weg in den Wald hinein nehmen. Die Brücke über den Bach. Und da wusste ich: Diese Brücke ist (für mich) die Schwelle in die „Magie des Advents“. Ich teilte meinen Gedanken von der Schwelle und die kleine Gruppe - zu fünft waren wir – fand die Idee eines Schwellengangs gut. Wir alle gingen bewusst über die Brücke und dann in Stille weiter in den Wald. Und mir begegnete die Göttin in ihren drei magischen Farben: Weiß. Rot, Schwarz – alle als Beeren an blattlosen oder so gut wie blattlosen Sträuchern. Welche Fülle, welcher Reichtum noch. Geschenk pur. Irgendwo auch einige heruntergefallene Quitten, gelb-leuchtend, mit braunen Flecken. Leuchtendes Geld an einem sonnenlosen Tag – auch das ein Geschenk. Und der Wald: Ein plätschernder Bach, mal etwas schneller, dann wieder sehr behäbig. Erinnerung an den magischen Fluss des Lebens. An das Fließen all meiner Gefühle – wenn ich sie fließen lasse. Alte Bäume, mit starken Wurzeln und Ästen, die wie Arme sich über den Weg breiten: Segen der Großen Mutter, sicht- und spürbar. Gesichter in fast jedem Stamm – Wasseradern, Baumschnitt – egal, die schauen jetzt freundlich auf mich und ich fühle mich gesehen. Und sie sich auch. Pure Magie. Wunder-volle Geschenke auf diesem Schwellengang. Bei der nächsten Brücke bleibe ich stehen: Sie führt neben dem kleinen Bach unter der großen Straße durch – ja, wir gehen den dunkelsten Tagen des Jahres entgegen, quasi in die Unterwelt. Über uns die belebte Straße, auf der die Autos völlig unbeeindruckt von „meiner“ Magie fahren. Auch das ist okay, ich nehme die Geräuschkulisse wahr, und sie darf sein. Ich bleibe bei mir, mühe-los gehalten von der Magie der Göttin. Hinter der Brücke warten die anderen. Wir halten inne, haben die Schwelle wieder überschritten und gehen weiter. Eine Weile bilden wir einen Kreis und wer teilen möchte, teilt das Erlebte. Ich beginne mutig. Und mehr als eine fühlt sich ermuntert, die eigene – jeweils sehr unterschiedliche – Magie zu teilen. Dann setzen wir uns im Lokal um den Tisch und essen, stärken uns an Leib und Seele – schließlich waren wir in der Anderswelt, das macht hungrig. Und so beginnt mein magischer Advent

Aufblühen – so ein schönes Bild 😊 – ich liebe es… es erinnert mich (jetzt) an die Barbara-Zweige, die ich gern Anfang Dezember in die Vase stelle, damit sie an Weihnachten blühen. Und an die Magnolie vor dem Haus, deren Knospen jetzt schon zu sehen sind, und die im Frühjahr immer dicker werden, täglich mehr, und die sich dann ent-falten, auch das täglich mehr, bis eines Tages – wenn die Frühlingssonne so richtig schön scheint – die Blüten plötzlich da sind. Nicht alle auf einmal, jede in ihrem eigenen Tempo. Da, wo die Sonne direkt hin scheint, am ehesten. Aufblühen – die Barbarazweige brauchen ein warmes Zimmer, gleichzeitig aber keine direkte Heizungsluft, um aufzublühen. Die Magnolien Sonne. Und ich – ich habe einen Entschluss gefasst: Ich blühe unter meiner Zuwendung auf. Ich bin sozusagen die Sonne für mich und mein Erblühen, Aufblühen. Das ist mein SATZ für die kommenden Wochen, sagen wir, für die Adventszeit. Ich blühe auf. Ich bin alt genug, um zu wissen, dass ich nicht ganz von alleine aufblühe. Es braucht auch bei mir Wärme und Zuwendung dafür. Und wer könnte sie mir besser geben als ich selbst? Schließlich bin ich 24 Stunden am Tag in meiner Gesellschaft – das kann mir niemand anders bieten. 24 Stunden Zuwendung?! Zu mir? Wie soll das gehen? Na, vielleicht fange ich einfach klein an: Jeden Tag eine zugewandte Handlung, ein zugewandter Gedanke, ein zugewandter (freundlicher) Satz zu mir, über mich zu anderen … das sollte machbar sein. Eine Art Zuwendungs-Adventskalender. Geht auch bei echter Zeitknappheit, die ja vor Weihnachten bei vielen die Regel ist. Am 1. Dezember eine ganz bewusste Dusche, mit dem besten Duschgel und liebevollem Einseifen, begleitet vom Gedanken: Ich lasse gehen, was ich nicht mehr brauche und bin mir zugewandt. Am 2. Dezember fünf Minuten Gymnastik, bei der ich meinem Körper mitteile, wie sehr ich mich freue, dass er sich bewegen kann und dass ich ihm danke, dass er solange schon für mich da ist. Am 3. Dezember ein Spaziergang, alleine oder mit einem Lieblingsmenschen, bei dem ich tief atme und mich freue, dass ich lebe, dass ich frische Luft einatme und die verbrauchte abgeben darf (übrigens eine gute Entsäuerungsmethode!). An einem Adventssonntag vielleicht eine Stunde mit einem Buch, das mir gut tut und mich bestärkt. Oder ein klares „Nein“ zu der x-ten Adventsfeier, die ich besuchen soll (und „eigentlich“ nicht will). Je länger ich mit dem Gedanken, mit dem SATZ spiele, desto besser gefällt er mir. Und desto mehr fällt mir ein. Ich könnte – nein, ich will! – auf meine Gedanken achten, die unfreundlichen abpassen und verändern in freundliche, zugewandte. Ich könnte – nein, ich will! – bewusst beim Einschlafen nicht nur „Danke“ sagen, sondern gleich noch „ich liebe d/mich“ hinterher. Ich will mich am Morgenrot freuen und am goldenen Abendlicht, an den wilden Wolken. Ich will mir Zeit nehmen zu meditieren und wenn ich es nicht schaffe, freundlich zu mir sein. Ich will mich wohl in meiner Haut fühlen – und wenn nicht, will ich sanft mit ihr und mir umgehen. Und wenn ich in Stress gerate, schimpfe ich nicht mit mir, sondern atme tief ein und aus – sobald ich dran denke (wann immer das sein mag). Und wenn ich Zeit habe, überlege ich mir neue Formen von Zuwendung zu mir (und dann auch anderen). Schon jetzt, wo ich schreibe, spüre ich, dass ich mich verändere, dass das Aufblühen ganz von alleine beginnt. Ich blühe unter meiner Zuwendung auf. Was für ein großartiger Satz. Was für ein gutes Gefühl, wenn ich mich darauf einlasse. Auf meinen Advents-Aussichts-Satz. (Advent heißt übrigens Ankunft. Ich möchte bei mir ankommen. In der Tiefe, da wo der Gott-Funke/ das Christuslicht leuchtet. Wo sonst? Zuwendung scheint mir eine gute Möglichkeit.)

Ja, wer? Was bleibt dann übrig? Ich wünschte, ich könnte dann so sein wie Morrie in „Tuesdays with Morrie“ – gütig, gelassen im Worst Case Szenario, immer noch liebevoll und von liebevollen Menschen umgeben, denen ich auch immer noch etwas geben kann. Und wenn es „nur“ ist, im Angesicht der eigenen Hilflosigkeit noch ein Mensch zu sein und zu bleiben. Doch als ich mich zuletzt betrachtete, nachdem einige der wichtigsten Rollen in meinem Leben weggefallen waren, da sah ich etwas anderes: Ich war sauer, ich war ärgerlich, ja wütend, ich wollte (will!) überhaupt nicht (mehr) „gut“ sein, weder im moralischen noch in irgendeinem anderen Sinn. Ich ent-deck(t)e eine Freude an Gemeinheit, ich ent-deck(t)e Egoismus, den Wunsch, etwas (Geld) nur für mich zu haben, mich auch mal rücksichtslos über andere hinwegzusetzen, um nur für mich und das, was mir Freude macht, da zu sein. Mein Ökobewusstsein war weg oder vielleicht auch noch da, doch es wollte nicht mehr von mir und meinen Handlungen bedient werden. Ich wünsche mich nach Sri Lanka oder auf die Fidschi Inseln zu einer ausgedehnten Ayurvedakur mit liebevollen (und schlecht bezahlten) Menschen, die sich um mich kümmern. Meine Spendenbereitschaft ging gegen Null. Und – fast das Schlimmste – all das erfüllt/e mich mit einer tiefen Befriedigung und ich könnte „JA! JA! JA!“ schreien. Wo sind all meine moralischen und sonstigen Rücksichten hin? All das, was ich gelernt habe und über Jahrzehnte versucht habe zu leben. Ich will das alles gerade gar nicht! Wo ist meine Liebe zu (Groß-)Mutter Erde und all ihren Geschöpfen, von denen ich ja Teil bin? Bin ich in Wahrheit eine schrecklich egoistische und unsoziale Person? Offenbar bin ich das zumindest AUCH. Das erschreckt mich (neben der diebischen Freude, die es mir macht!). Es stößt mich auch ab. Und womöglich ist das nur die Spitze des Eisbergs – wer weiß denn, was da noch so alles in mir steckt? Vielleicht habe ich in früheren Leben Menschen verraten, getötet und gefoltert? Ich weiß es nicht, und ausschließen kann ich es auch nicht. Ich erinnere mich, dass ich vor etlichen Jahrzehnten in einem Psychodrama die Rolle der Stiefmutter von Hänsel und Gretel sehr überzeugend gespielt habe – ich hatte sehr überzeugende Gründe, die Kinder auszusetzen! Sodass am Ende meine Kommiliton*innen mich gemieden haben – und nicht nur für die Dauer des Spiels. Da war ich einmal nicht die „Gute“, und gleich am Rand. Wenigstens bin ich nicht verbrannt worden, doch mein Bedarf an Rollenwechsel war erstmal gedeckt. Gleichzeitig war und ist das ja auch in mir. Womöglich wäre ich unter anderen Umständen ein Trump, Netanjahu oder Hitler? Ich bin mir nicht mehr sicher. Im Moment sind die Umstände so nicht. Ich sehe dennoch Züge und Wünsche in mir, die mich erschrecken. Kann ich sie da sein lassen? Mir und ihnen erlauben, auch zu sein, in mir? Davon, sie zu umarmen, spreche ich erst gar nicht. Wer bin ich ohne Rolle/n? Kann ich auch diese Erkenntnisse und Zuschreibungen fallen lassen? Das Erschrecken? Wer bin ich ohne meine Rollen, Gedanken, Geschichten? Es gibt Momente, da scheine ich ohne das alles zu sein und es ist still und friedlich in mir, und weit … Doch woher weiß ich, dass nicht auch das eine Rolle ist – die der Meditierenden, der achtsamen alten Weisen – einfach eine weitere (Wunsch-)Vorstellung? Kann ich mich in dieses Nicht-Wissen hinein entspannen? Weiterleben, von Moment zu Moment, Erkenntnis zu Erkenntnis? Immer wieder mal. Immerhin.

Eine Seelfrau ist zuallererst eine Frau mit Seele. Ja, ich weiß, wir haben alle eine Seele, doch bei einer Seelfrau scheint sie durch alle Äußerlichkeiten hindurch. Vielleicht ist sie sich ihrer Seele vielleicht auch bewusster als andere? Zugleich – obwohl das eigentlich eine selbstverständliche Folge davon ist – ist sie eine Frau für die Seelen anderer. Sie weiß um den Zusammenhang von Körper und Seele und er ist ihr wichtig in allem, was sie tut, sagt oder lebt. Für sich selbst und für andere. Und weil die Seele einer/eines jeden groß ist, ist jeder Mensch groß für sie. Daneben ist eine Seelfrau eine ausgebildete Trauer-, Sterbe und Seelenbegleiterin. Sie hat eine zweijährige Ausbildung bei Andrea Martha Becker absolviert, die sowohl theoretische Inhalte, als auch praktische Übungen und Übungsgruppen umfasst. Dazu kommen Embodiment-Erfahrungen und das Eintauchen in die persönliche Geschichte mit der eigenen (Trauer-)Biografie. All das vermittelt durch eine überaus kompetente und erfahrene Anleiterin, die genau weiß, was sie tut und sagt. Ich habe als Person sehr davon profitiert. Wenn nötig, gab es auch Einzelgespräche oder eine Vermittlung an entsprechende Fachfrauen. Insgesamt waren es 300 Unterrichtseinheiten. Was für mich persönlich noch bedeutsam war, ist die Tatsache, dass es sich um eine Ausbildung handelt, die speziell frauenorientiert ist und in der Tradition der jahrhunderte-, wenn nicht jahrtausende langen Geschichte von Frauen als den Hüterinnen der Schwelle vom Leben zum Tod (genau wie der Schwelle ins Leben) steht. Frauen als Hüterinnen dieses Mysteriums sind durch das Patriarchat ent-machtet worden. Gleichzeitig wurden Menschen in sehr verwundbaren Lagen – als Sterbende, Gebärende und Geboren-werdende – entwürdigt. Es wird Zeit, dass Frauen sich genau dort ihrer Kraft und (Seelen-)Stärke wieder bewusst werden. Dies heißt in keiner Weise, dass Männer nicht ihren Platz dort auch haben. Es heißt gleichzeitig durchaus, dass sie ihre „wir-wissen-es besser“-Attitüde aufgeben dürfen. Beglückend finde ich den spirituellen Ansatz der Ausbildung zur Seelfrau. Dass selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass Menschen mehr sind als Körper und Verstand, dass eine große Seele sie – spätestens – bei der Geburt „be-seelt“ und im Tode wieder in andere Sphären geht. Dass dieser Übergang „heilig“ ist und darum mit aller Achtsamkeit und größtem Respekt begleitet werden will. Dass das ein Geschenk für die Begleitende ist, auch wenn es nicht immer und nicht nur „schön“ ist. Seelfrau zu werden und zu sein, ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die die Stärke erfordert, die eigene Ohnmacht anzuschauen, die zutiefst beglückend sein kann und die meine Seele weit macht.

Wurzeln – ein Substantiv und ein Verb zugleich. Ich dachte zuerst ans Substantiv, und beim Schreiben des Wortes merkte ich, ich liebe das Verb. Ich möchte wurzeln im Leben, im reichen, wundervollen Boden meines irdischen Lebens. Wo immer ich – meine Seele, mein höheres Selbst oder wer auch immer – herkommen und hingehen mag: Ich lebe jetzt hier auf dieser Erde, gehöre zu ihr. Mein Körper und damit jetzt auch „Ich“ sind Teil von ihr. Mit meinen Füßen möchte ich mich tief ins Erdreich einwurzeln, mich verbinden. Ich wurzele in meinem Leben, seit Jahrzehnten. In der Erde, die meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern unter ihren Füßen hatten. Im Wurzelreichtum meiner Ahn*innen und aller Menschen vor mir und der gesamten evolutionären Entwicklung. Einem Reichtum, den ich nicht ausschöpfen kann, und der doch in mir und um mich ist. Ein unentwirrbares Geflecht von allen möglichen, gut und weniger gut genährten, mir bekannten und unbekannten Wurzeln, mit sehr verschiedenem Zugang zum Reichtum des Bodens. Mit Sackgassen und abgestorbenen Wurzeln. Doch überwiegend so, dass ich im Boden verankert und von ihm genährt bin. Auch wenn ich im Sturm schwanke. Ich habe Wurzeln, ich bin verwurzelt, ob ich mir dessen bewusst bin oder nicht. Ich kann daraus wachsen, kann diesen Reichtum wertschätzen, würdigen und ihm Respekt zollen. Ich muss es nicht. Da ist er so oder so. Und ein Geschenk.

Aufbruch – Weite – Gnade Letzten Monat habe ich am Neujahrstag über Gnade geschrieben, und nach wie vor ist das die Hauptüberschrift für 2025 für mich. Doch inzwischen sind wir einen Monat weiter, die Sonne geht etwas früher auf und schon deutlich später unter als zu Beginn des Jahres. Der erste Neumond des Jahres brachte richtig frische (Wassermann-)Energie mit sich und diesen Schwung fühle ich auch. So kam das Wort „Auf-Bruch“ hinzu, und „Weite“. Die drei Worte habe ich auf meine (jährlich) Lichtmess-Kerze geschrieben, die ich dieses Jahr schon zum Neumond angezündet habe. Sie symbolisiert – wie sonst auch – die neue Energie, die nach der Winterruhe erst langsam, dann immer schneller in dieses Jahr einfließt. Die Mitte der Kerze bildet ein Herz – Zeichen für die Herzenergie, aus der und in die all das fließt, was fließen darf, jetzt im Vorfrühling, später dann im Frühling und überhaupt durchs Jahr. Zu Imbolc oder Lichtmess, steigen die ersten Säfte, noch etwas im Verborgenen, unter der Erde, doch die ersten zarten Spitzen von Schneeglöckchen, Winterlingen und Krokussen schauen schon – je nachdem, wo wir sind – aus der Erde und zeigen an: es wird auch dieses Jahr wieder Frühling. Selbst die Vögel singen immer mal schon ein Frühlingslied. Doch lassen wir uns nicht täuschen: Noch müssen wir mit neuerlicher Kälte und Wintereinbruch rechnen. Nicht für jede Pflanze ist es schon Zeit. Auch noch nicht für jedes Projekt. In manchen Fällen kommt vor dem Aufbruch ein „Bruch“, ein Zusammenbrechen des Alten. In anderen Fällen ist das schon geschehen, dann darf der Aufbruch schon vorsichtig sichtbar werden. Immer darf ich mich fragen: Schaue ich auf den Bruch oder sehe ich und ahne ich darin den Aufbruch? Ich kann meinen Blick in diese oder jene Richtung wenden. Ich darf auch beides sehen – und dann entscheiden, wo ich meinen Blick verharren lasse. Dafür habe ich die Lichtmess-Kerze. Wenn es – in mir oder draußen – dunkel wird, dann darf sie leuchten und die Transformation zu Liebe (Herz), Gnade, Weite und Aufbruch beginnt. Immer wieder. Und wenn die Kerze heruntergebrannt ist, dann ist Frühling.

Das Fest, an dem wir feiern, dass Menschen mit dem göttlichen Geist, der göttlichen Kraft, der göttlichen Weisheit ganz unmittelbar in Berührung kommen. Die Abhängigkeit vom „Meister“ weicht einer eigenen Begeisterung und Erfüllung durch die göttliche Lebenskraft. Leben nicht mehr aus zweiter Hand, sondern direkt angeschlossen an die göttliche Urkraft. Diese Kraft ist direkt in uns — führt uns in die Weite, die Freiheit, die Lebendigkeit und Kreativität, die so oft verschüttet ist. Pfingsten wird sie neu geweckt, entflammt, begeistert sie uns! („Geist“ oder „Heiliger Geist“ ist ein im Deutschen irreführendes Wort, weil es viel zu sehr mit – männlicher - Logik verbunden ist. Ursprünglich, im Hebräischen, ist es ein weibliches Wort, „Ruach“, das „Bewegung, Atem, Hauch“ bedeutet. In den ersten Sätzen der Bibel „brütet“ die Ruach (wie eine Taube, die ja auch Symbol des Pfingstfestes ist) über den Urgewässern. Und eben in diesen Urgewässern beginnt das Leben.) In den biblischen Texten ist die Rede von Sturm und von Feuer, von Verständigung, die völlig unerwartet war, von einem Mut sich zu zeigen, den schon damals manche mit zu viel Alkoholgenuss verwechselten. Mit anderen Worten, das Fest ist voll von Be-Geisterung und Schöpfungskraft. Wer vom kreativen Geist der Ruach gefüllt wird, erfüllt ist, der kommt in Bewegung, die geht raus mit ihrer Botschaft, kann sich ganz neu verständlich machen, in einer Sprache, die von allen verstanden wird. Solch neue Verständigung ist absolut wichtig und „dran“. In Verbindung zu Menschen, die wir nicht auf Anhieb verstehen, sprachlich oder kulturell. Da ist Pfingsten nötig und ein wirklich wichtiges Fest. Und genauso wichtig ist eine neue (Wieder-) Verbindung mit allem anderen Lebendigen (ich nenne es jetzt einfach mal Natur, obwohl ich und wir alle ja Teil davon sind und nicht Gegenüber). Für mich sind da die Bäume immer an erster Stelle. Doch jede/r hat ja andere „Erstbezüge“, also wichtigste Liebesbezüge zur Natur. Vielleicht ist es für dich das Meer. Oder die Blumen. Oder Kräuter? Ich glaube, es ist ganz egal. Wichtig ist nur, dass wir so einen Punkt haben. So einen Punkt, an dem wir plötzlich die heilige Weisheit in allem entde cken. Die Weisheit, die „vor Gott spielt“ (so steht es in der Bibel). Und dieses Spielerische fällt mir im Wald auf - wie die Sonne auf dem Boden spielt mit dem Schatten. Wie Blätter im Wind spielen. Wie das alles so leicht erscheint. So spielerisch. So selbstverständlich. So ohne Anstrengung. So kreativ. Das ist „mein“ Pfingsten – die schöpferische Qualität in allem zu ent-decken, auch in mir. Denn wer den (pfingstlichen) Geist in sich entdeckt, der wird mutig und kreativ, die lässt sich begeistern und begeistert, ist Feuer und Flamme für das Leben und wird daran erkannt als eine „vom Geist / von der Ruach Beseelte“. So wünsche ich uns allen be-geisternde Pfingsttage!


